Samstag, 21. Januar 2012

Suez-Kanal blockiert - Was wäre, wenn?

Was wäre, wenn der Suez-Kanal blockiert wäre? Alle gucken auf Hormuz, aber keiner schaut nach Suez. Daher wird hier über dieses Szenario spekuliert. Größter Verlierer wären wohl die somalischen Piraten. Frankreich und Großbritannien könnten zu den geostrategischen Gewinnern gehören.

Nicht mehr undenkbar
Aufgrund des amerikanisch-iranischen Säbelrasselns guckt die ganze Welt besorgt nach Hormuz. Was passiert dem Öl-Preis, wenn die Iraner versuchen die Straße zu blockieren? Dann wird über möglichen Folgen eines militärischen Schlagabtausches nachgedacht. Jedoch denkt kaum jemand an ein anderes Szenario, das, wenngleich sehr unwahrscheinlich, seit dem Sturz Mubaraks doch wieder in Rahmen des theoretisch Denkbaren gerückt ist: eine Blockade des Suez-Kanals.

Die Unwahrscheinlichkeit ergibt sich schlicht daraus, dass Ägypten völkerrechtlich zur Freihaltung des Kanals verpflichtet ist und das ägyptische Militär im Problemfall den Kanal wohl offenhalten würde. Am wichtigsten ist, man sollte auch das Vertrauen haben, dass sich in Ägypten ein stabiles, demokratisches System entwickelt, wenngleich es jetzt Wahlergebnisse gibt und weiter geben wird, die nicht jedem westlichen Beobachter gefallen.

Aber hier geht es nicht um die Fragen, von pro & contra Muslimbruderschaft, Islam und Demokratie, sondern um die Frage: Was wäre wenn?

Kanal blockiert
Zur Unpassierbarkeit des Kanals könnte es entweder bei einem inneren Konflikt in Ägypten, einem islamistischen Putsch oder bei einem ägyptisch-israelischen Konflikt kommen. Aus welchen Grund auch immer: ab hier ist der Kanal ist nun erstmal blockiert.

Ab diesem Moment müsste der gesamte zivile und militärische Schiffsverkehr, der heute durch Suez geht rund um Afrika. Eisenbahnen oder Pipelines, die auch nur einen Teil der massiven zivilen Lasten übernehmen könnten, sind schlicht nicht vorhanden. Wirtschaftlich würden sich die gestiegenen Transportkosten durch längere Seewege deutlich bemerkbar machen, was angesichts der momentanen Weltwirtschaftslage unangenehme Folgen hätte. Alleine wegen der Panik an den Märkten ginge der Öl-Preis wohl auch steil nach oben. Militärisch wären die NATO in Afghanistan sowie die diversen westlichen Militärpräsenzen am Horn von Afrika und im Persischen Golf auf einmal von einem sehr wichtigen Nachschubweg abgeschnitten.

Spannend würde auch das Thema Piraterie, denn die Zahl der theoretisch kaperbaren Schiffe für die somalischen Piraten würde drastisch sinken. Der Golf von Aden wäre ja auf einmal ziemlich leer. Hingegen würde sich die heute schon präsente Piraterie im Golf von Guinea auf einmal richtig lohnen, denn all die lukrativen Kaperobjekte würden dann in Reichweite der dortigen Piraten vorbei fahren. Wahrscheinlich könnten EU und NATO dann im Golf von Guinea damit anfangen, womit sie im Golf von Aden aufgehört haben.

Wäre Suez blockiert, würden auch auf einmal eine ganze Menge kleiner Inseln wieder relevant, für die sich heute kaum ein Mensch interessiert. Auf Diego Garcia verfügen die USA heute schon über einen größeren Luftwaffen- und Marinestützpunkt, der dann aufgrund seiner Lage mitten im Indischen Ozean für die Kontrolle der Seewege ein echter Diamant wäre. Mit Blick auf die Karte wird deutlich, jedes sonst über Suez fahrende Schiff, das sich aus oder nach Richtung Malakka bewegt, müsste dann wohl an Diego Garcia vorbei.

Diego Garcia (rot). Quelle: Wikipedia.

Bei Madagaskar auf der Insel Réunion, ein französisches Überseegebiet, unterhält Frankreich noch einen kleinen Marinestützpunkt. Auf einmal wäre diese Basis wieder wirklich etwas wert, wenn der gesamte "Ex-Suez"-Schiffsverkehr dort vorbei müsste. Ähnliches gilt dann für Frankreichs Marinepräsenz in Dakar, Senegal. Auf der anderen Seite Afrikas, im Südatlantik, sind die Briten heute noch regelmäßig militärisch präsent, nicht nur wegen den Falklands, sondern auch wegen St. Helena, Ascension und Tristan da Cunha. Die dort eigentlich nutzlos umhersegelnden Fregatten hätten auf einmal wieder eine Aufgabe, nämlich Pirateriebekämpfung vor Guinea.

Nicht zuletzt wird die maritime Weltordnung gerade eine andere. Brasilien beginnt der Entwicklung von Fähigkeiten zur maritimen Machtprojektion im Südatlantik und darüber hinaus. Genau auf der Route, auf der der gesamte Schiffsverkehr bei einer Suez Blockade verliefe, haben Indien, Brasilien und Südafrika (IBSA) bereits gemeinsame Manöver abgehalten. Neben den USA, Frankreich und Großbritannien könnten also auch andere versucht sein, ihren Teil der Kontrolle über die Seewege sicherzustellen. Seitens der westlichen Staaten müsste man dann sofort die Initiative ergreifen und IBSA mit ins Boot holen.

Fazit
Je nach Dauer der Blockade wären die wirtschaftlichen und geostrategischen Auswirkungen dramatisch. Die Schifffahrtlinien als Lebensadern der Weltwirtschaft müssten teilweise neu justiert werden. Von der Linie Indien - Südafrika - Westafrika - Nordatlantik würde sich ein neues maritimes Machtgefüge etablieren. Großbritannien und Frankreich könnten eventuell die Bedeutung zurückgewinnen, die ihnen heute immer mehr verloren geht. Wenig bedauerlich wäre, dass sich Somalias Piraten, sofern sie nicht nach Guinea wechseln, neue Beschäftigungen suchen könnten.

Abseits des maritimen Geschehens kann sich jeder selbst die weiteren Konsequenzen der Ereignisse ausmalen, die zu einer Blockade des Kanals führen würden. Bleibt zu hoffen, dass das Szenario "Suez blockiert" nicht anderes bleibt, als das was ist: die Spekulation eines Bloggers.

Lesenswert:
Böddeling, Jann (2012): Annäherung ans neue Ägypten, IN: Verantwortung für die Welt, (IP-Sonderbeilage zusammen mit dem Mercator Kolleg), 14-15.

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