Dienstag, 13. September 2011

Buchrezension: World Wide War

Die Ersetzung von Web durch War im Titel trifft den Nagel auf den Punkt. Cyber ist noch vor Versorgungssicherheit das Thema globaler Sicherheitspolitik im 21. Jahrhundert. Gute (wissenschaftliche) Literatur im deutschen Sprachraum darüber ist rar. Umso interessanter ist, was aus den USA von Richard A. Clarke und Robert K. Knake in dieser Beziehung zu uns rüberkommt. Zumal die USA und Deutschen wie immer in solchen Sachen (s. Web 2.0) weit voraus sind. Guckt Beispielsweise auf der SWP-Homepage um, findet man nichts zum Thema Cyber-Sicherheit. Jenseits des Atlantiks wird derweil an der automatischen Erkennung von Internetrevolutionen geforscht.

Generationenunterschied

Ein immer wieder auftretendes Problem in Sachen Cyber-Sicherheit und Web 2.0 ist der Generationenunterschied zwischen Jung und Alt. Dabei profitiert Clarkes und Knakes Buch von der Symbiose eines „Alten Hasen“ und eines jungen Spezialisten. Es mischen sich die Erfahrung aus Jahrzehnten von Praxis in den internationalen Beziehungen mit Fachwissen, das so manchem Älteren heute fehlt. Störend im Buch sind allerdings immer wieder ständigen Rückblicke des Clarkes in den Kalten Krieg und seine persönlichen Anmerkungen und Anekdoten. Der Leser kann diese bisweilen einfach überlesen oder ignorieren. Der Kalte Krieg ist seit 20 Jahren vorbei. Zeit, sich endlich aus dessen Gedankenwelt zu verabschieden und den Blick nach vorne auf die nächsten 20 Jahre zu werfen.


Bestens informiert
Über Stuxnet und den israelischen Cyber-Angriff auf Syrien im Rahmen des Angriffs auf Syriens Atomreaktor kursieren im Internet sehr viele Analysen; oft gefüllt mit viel Halbwissen. World Wide War erläutert gleich zu Beginn sehr detailliert diese beiden und andere Cyber-Attacken. Man kann annehmen, dass Ex-US-Regierungsberater Richard A. Clarke bestens informiert ist. Gleiches dürfte für Knake als Angehöriger des Council on Foreign Relations gelten, weshalb ihre Schilderungen der israelischen und amerikanischen Aktivitäten etwa in Sachen Stuxnet als glaubwürdig eingestuft werden können.

Zusätzlichen machen die Autoren ein sehr interessantes Gedankenspiel auf. Sie verbinden einen Konflikt zwischen den USA und China im Südchinesischen Meer mit einer Auseinandersetzung im Cyber-Space. Ein Szenario, dass in Zukunft durchaus denkbar ist. China könnte seine konventionelle Unterlegenheit durch Cyber-Attacken ausgleichen oder die USA durch Aktionen im Cyber-Space von einem Eingreifen abschrecken. In der Analyse von Konflikten kann Cyber nicht mehr außen vorgelassen werden, denn eine Trägerkampfgruppe ist nichts, wenn die Command&Control Infrastruktur nicht mehr funktioniert oder die Avionik der Flugzeuge einfach ausfällt.

Fokus auf kritische Infrastruktur und Stromnetz
Die Verwundbarkeit des US-Stromnetzes ist ein roter Faden, der sich durch das gesamte Buch zieht. Darüber sollten wir uns auch in Deutschland mal genauer Gedanken. Nach dem Ausstieg aus der Atomkraft sollen die Stromnetze intelligenter werden, also werden sie stärker mit dem Internet verbunden. Je „intelligenter“ die Netze aber werden, desto mehr wächst die Zahl der potentiellen Schwachstellen und desto angreifbarer werden die Netze. Über diesen Sicherheitsaspekt wird aber in Sachen Energiewende nicht gesprochen. Da die Netze aber bis 2022 und danach immer intelligenter gemacht werden sollen, muss diese Diskussion dringend geführt werden. Sonst sitzt Deutschland dank Terroristen oder böswilligen Hackern eines Tages mal eine Weile im Dunkeln.

Cyber-Verträge?

Im siebten Kapitel greifen die Autoren die Idee auf, Cyber-Waffen und ihren Einsatz vertraglich zu regeln bzw. zu begrenzen. Die Idee als solche ist nicht verkehrt, aber das heutige Kernproblem der internationalen Diplomatie ist, dass sie zu langsam ist, um mit der technischen Entwicklung Schritt zu halten. Würden die Verhandlungen über einen Rüstungskontrollvertrag heute begonnen, hätten die entsprechenden Stellen der Staaten zum Zeitpunkt der Ratifizierung, falls es wegen der notwendigen 2/3 Mehrheit im US-Senat überhaupt dazu kommt, bereits neue Cyber-Waffen entwickelt, die nicht unter diesen Vertrag fallen.

Jedes internationale Abkommen kann also nur die Vergangenheit, nicht aber die Gegenwart regeln. Der Versuch, zu einem Abkommen zu gelangen, sollte trotzdem unternommen werden. Alleine damit das Thema mehr Aufmerksamkeit unter den politischen Eliten und der internationalen Öffentlichkeit erfährt. Da auch ältere Mittel weiterhin genutzt werden, kann es auch nicht schaden, hier eine Regelung zu treffen. Da sich die Staaten wohl kaum in ihre geheimdienstlichen und militärischen Karten schauen lassen werden, könnten Verträge oder zumindest Resolutionen zum Schutz und zur Regelung des „zivilen Cyber-Space“ ein sinnvoller Schritt sein.

Mangel Web 2.0
Zentrale Mangel des Buches ist das Erscheinungsdatum der englischen Ausgabe in 2010. Dadurch kommt die Macht des Internets und Web 2.0 im Rahmen des Arab Spring im Buch nicht vor. Eine Entwicklung, ohne die Cyber-Sicherheit aber heute nicht mehr betrachtet werden kann. Nicht DDoS-Attacken oder logische Bomben haben die größten cyber-bezogenen Veränderungen verursacht, sondern Facebook und Twitter haben ganze Regierungen gestürzt. Trotz allen Regierungsfirewalls gelang und gelingt es Aktivisten immer wieder, diese auszutricksen. Wer sich mit Cyber beschäftigt, darf nicht nur in der militärischen oder geheimdienstlichen Dimension denken, sondern muss die zivilgesellschaftliche Dimension schon allein aufgrund des kurzfristigen Mobilisierungseffekts miteinbeziehen.

Im Hinblick auf diesen Effekt muss allen demokratischen Staaten der Welt nicht nur am Schutz ihrer kritischen Infrastruktur und Stromnetze gelegen sein, vielmehr muss die Sicherheit von Kommunikation im Internet gewährleistet werden. Schließlich hat diese Kommunikation in kurzer Zeit im arabischen Raum mehr erreicht als alle diplomatischen Depeschen der letzten 30 Jahre zusammen.

Kritik
Was dem Buch (in der deutschen Ausgabe) fehlt, ist ein Literatur- und Linkverzeichnis. Viele Leser werden wohl nach der Lektüre das Bedürfnis verspüren, weitere Informationen zu bekommen. Nichtsdestotrotz ist das Buch definitiv die 22 Euro wert. Sowohl sicherheitspolitisch gut informierte wie Leser ohne große Vorkenntnisse finden sich im Buch gut zu recht. Wer die 342 Seiten hinter sich hat, geht auf jeden Fall mit massiv mehr Wissen und Verständnis für die Materie hinaus als vorher. Prädikat: sehr empfehlenswert.

Clarke, Richard A.; Knake, Robert K. 2011: World Wide War. Angriff aus dem Internet. Hamburg.

0 Kommentare:

Kommentar veröffentlichen