Chinas neuer Flugzeugträger ist nicht mehr als ein Prestige- und Forschungsobjekt. Bis die PLAN das Operieren von Trägern tatsächlich beherrscht, werden noch Jahre vergehen. Spannender als die Shi Lang werden ohnehin Chinas Träger Marke Eigenbau. Trotz allem besteht kein Grund zur Aufregung. China tut nur das, was alle anderen UN-Vetomächte auch tun. Vermutlich wird Peking auch nirgendwo militärisch á la Libyen intervenieren, zumal für China wirtschaftliche und politische Macht Chinas entscheidender bleibt als Flugzeugträger.
Prestigeobjekt statt Waffe
Die Weltpresse hat sich förmlich auf die Jungenfernfahrt des ersten chinesischen Flugzeugträgers Shi Lang gestürzt. Kein Artikel kam ohne die Meldung aus, die Nachbarn Chinas und die USA seien wegen des Trägers und Chinas Aufrüstung in Sorge. Doch die Sache wird mittlerweile ziemlich überbewertet. An der Qualität des Trägers und den Fähigkeiten der Chinesen darf man durchaus noch zweifeln. Bis zur tatsächlichen Einsatzbereitschaft, falls die Shi Lang jemals dazu genutzt wird, dauert es noch Jahre. Wenn es dann eines Tages tatsächlich soweit ist, ist entscheidend, wozu China seine(n) Träger einsetzt.
Bisher war China die einzige UN-Vetomacht ohne Träger. Selbst die Pleitekandidaten Spanien und Italien verfügen über je einen eigenen Träger. Chinas Nachbarn Südkorea und Japan verfolgen Helikopterträgerprogramme, die ggf. mit STOVL (Short Take Off Vertical Landing) Jets (F-35b) ausgerüstet werden können. Rivale Indien verfolgt ein ebenfalls sehr ambitioniertes Trägerprogramm und ist dabei weiter als China. Daher ist die Shi Lang zu aller erst, wie es die Chinesische Staatspresse betont, ein Prestigeobjekt, mit dem das zweitmächtigste Land der Welt maritime Augenhöhe mit den anderen Staaten erreichen will.
Das mit der Augenhöhe ist auch so eine Sache. Schließlich ist die Shi Lang keine Eigenentwicklung vollgestopft mit modernster Technologie, sondern ein über mehr als zehn Jahre hinweg sanierter alter sowjetischer Träger, sprich China benutzt heute ein veraltetes sowjetisches Trägerdesign aus den 80ern. Eine Demonstration technischen Fortschritts zur Augenhöhe mit anderen Staaten sieht anders aus. Die Zuverlässig- und Leistungsfähigkeit der von China in der Ukraine gekauften Turbinen steht ebenfalls in Zweifel. Darüber hinaus leidet doch jedes neue technische Projekt, sei es zivil oder militärisch, erst mal unter Kinderkrankheiten. So ist an der Behauptung von Chinas Staatpresse, die Shi Lang diene für „scientific research, experiment and training" durchaus etwas dran. Schließlich hat China noch gar keine Erfahrung damit, wie man sich um die Kinderkrankheiten bei der technischen Entwicklung von Flugzeugträgern kümmert.
So wird sich erst in den nächsten Monaten zeigen, wie weit China seinen Träger tatsächlich ist. Geht die Shi Lang wieder für Monate ins Trockendock, weil der Antrieb nichts taugt, oder sticht das Schiff nach ein paar Wochen zur nächsten Probefahrt in See? Wie lange dauern die Probefahrten und was wird überhaupt getestet?
Schwimmen lernen
Zu aller erst muss das Schiff Schwimmen und Fahren lernen. Der erste Test dient wohl allein zum Beweis, dass der Träger tatsächlich schwimmt und fährt. Vermutlich werden wir eine weitere und längere Probefahrt so schnell nicht sehen, da es bereits heißt, die Shi Lang werde nach ihrer Rückkehr „weiter überholt und getestet“. Auf die Überholung und Tests an Land werden eine Reihe von Testfahren folgen, bei denen ja keines Wegs gesagt ist, dass sie aus chinesischer Sicht alle erfolgreich verlaufen.
Laut Reuters (s. Graphik) passen auf die Shi Lang 28, laut RIA Novosti 26 Kampfjets. Dazu kommen noch einmal 24 Helikopter sowie auf sowjetischer Technologie basierende Nahabwehrsysteme, Anti-Schiffs-Raketen, Luftabwehrraketen und Waffensysteme zur U-Bootbekämpfung. Dazu gab es noch ein neues Radar-System, von dessen Qualität aber nichts bekannt ist. Bisher hat die Welt noch keines dieser Systeme in Aktion gesehen. Geschweige denn, dass alle Systeme und ihr Betrieb zusammen getestet wurden. Bei allen Tests und Übungen werden Fehler und Kinderkrankheiten auftreten, werden Verbesserungen und Erneuerungen notwendig sein. Manche meinen auch, der Träger sei mehr eine Gefahr für die eigene Crew als für die Anrainerstaaten.
Bis regelmäßig Flieger über den Ski Jump springen, wird es noch eine ganze Weile dauern. Es steht auch bei weitem nicht fest, ob die Chinesen mit allen technischen und operativen Problemen zurechtkommen und wie lange es ggf. dauert, diese zu lösen. Von echten Einsätzen, gleich welcher Art, ist die Shi Lang noch Jahre entfernt, zumal sich die nötige Begleitflotte auch noch in der Entwicklung befindet.
Üben, üben, üben
“A carrier alone is nothing without experience and a highly skilled crew”, Capt. David A. Lausman, commanding officer of the USS George Washington
Piloten hat China bereits auf Brasiliens Flugzeugträger ausbilden lassen. In welcher Anzahl ist aber unbekannt. Logisch wäre, dass es sich dabei um Ausbilder handelt, die in China dann wiederrum Piloten ausbilden sollen. Auch hier ist unbekannt, wie China bei der Ausbildung tatsächlich vorwärts kommt und wie es um die Qualität des Trainings bestellt ist. Durch einen Unfall zu Beginn des Testflugbetriebs auf der Shi Lang könnte deren Einsatzbereitschaft zum Beispiel eine ganze Weile nach hinten geworfen werden. Anders als auf der Reuters Graphik genannt, wird die Shi Lang nicht mit SU-27 und YAK-41M, sondern mit der chinesischen J-15, ein Plagiat der russischen SU-33 (Trägerversion der SU-27), ausgestattet. Bis zum regulären Flugvertrieb auf der Shi Lang auf hoher See ist daher wohl auch noch ein längerer Weg.
Dazu kommt, dass der Träger samt Flugzeugen in einem Verbund von Begleitschiffen erst das gemeinsame Operieren lernen und üben muss. Diese Verfahren müssen die Chinesen in der Praxis perfektionieren und bis dann eine chinesische Trägerkampfgruppe tatsächlich einsatzbereit ist, dauert es noch Jahre. Es ist selbstverständlich, dass die Chinesen üben, üben und üben müssen, um das Ziel einer einsatzbereiten Trägergruppe zu erreichen. Diese Übungen werden sie aber nicht vor Überwachungssatelliten, den Periskopen und Sonargeräten von U-Booten und Aufklärungsflugzeugen verstecken können. So werden zumindest die USA in der Lage sein zu verfolgen, was China (nicht) kann.
Einsatzbereit und dann?
Nehmen wir jetzt an, China hat alle Herausforderungen gemeistert und im Hafen von Dailan oder Sanya liegt die Shi Lang inklusive einsatzbereiter Begleitschiffe. Dann stellt sich die Frage, was die Chinesen über Prestigefahrten und Machtdemonstration hinaus eigentlich real mit dem Träger tun könnten. Bei einem Zusammenbruch Nordkoreas wäre die Shi Lang nicht von Nutzen, da China eine direkte Landverbindung mit Nordkorea hat und die eigenen Luftwaffenbasen direkt um die Ecke sind. Bei jedem denkbaren Einsatz rund um Südkorea, Japan und im Ostchinesischen Meer wäre der Träger ein leichtes Ziel für die U-Boote oder Kampfjets der USA, Japans oder Südkoreas. Fraglich, ob die Shi Lang angesichts der Gefahr durch amerikanische Angriffs-U-Boote überhaupt auslaufen würde.
Ähnliches gilt für einen Konflikt um Taiwan. Der Träger wäre ein einfaches Ziel, zumal Taiwan schon mit einer Bauankündigung für Anti-Schiffsraketen auf die Shi Lang reagiert hat. Außerdem sind die chinesischen Luftwaffenbasen doch vor Taiwans Haustür. Und vor allem dürften Chinas Cyber-Streitkräfte stark genug sein, um den elektronischen Systemen des taiwanesischen Militärs einfach den Gar auszumachen, bevor der Träger aus dem Hafen ausgelaufen ist.
Was dann noch bleibt, ist Machtdemonstration im Südchinesischen Meer, Sicherung von Seelinien, vllt. Katastrophenhilfe und eben Prestigefahrten. Bevor China soweit wäre, im Südchinesischen Meer Flugzeugträger in die Schlacht zu schicken, hat sich der Streit dort bereits dadurch gelöst, dass China und ASEAN immer tiefer wirtschaftlich zusammenwachsen. Wo es an neben der allgemeinen Wirtschaft an Öl und Gas mehr Geld zu verdienen gibt, als ein Krieg kosten würde, wird sich auch eine politische Lösung finden. Außerdem möchte China die Staaten in seinen Vorgarten vermutlich politisch eher an sich binden und von den USA wegführen, als durch Militäroperationen zu Gegnern machen.
Spannend wird die Marke Eigenbau
Teil fast aller Meldungen über die Shi Lang war, dass China an Flugzeugträgern Marke Eigenbau arbeitet. Eventuell könnten diese bei Shanghai im Bau befindlichen Schiffe über einen Nuklearantrieb verfügen. Das Resultat eines eigenen chinesischen Trägerprogramms ist wesentlich spannender als die ersten Übungen der renovierten ex-Varjag, nun Shi Lang. Bauen die Chinesen mehr oder weniger das sowjetische Design mit konventionellem Antrieb nach? Oder schafft es China einen nukleargetrieben Träger aus eigener Hand zu bauen?
Interessant sind dabei auch die wiederkehrenden Gerüchte, wonach China versucht, den britischen Träger Ark Royal zu kaufen und Senkrechtstarter zu entwickeln. Wozu sollte China aber noch ein zweites, dem der Shi Lang (STOBAR) eigentlich unterlegenes Design (STOVL) kaufen? Möglichkeit Eins ist, die Ark Royal diente nur der Kurzen Untersuchung und dann als schwimmendes Kasino. Möglichkeit Zwei ist, hier wird schon der zweite Schritt geplant, sprich zusätzlich zu den eigenen Flugzeugträgern auch eigene STOVL Träger zu entwickeln, wie sie die USA, Japan, Südkorea und bald Australien besitzen. Zutreffen dürfte wohl Möglichkeit zwei, denn China hat genug Geld, um größere Träger in Zukunft um kleinere Träger oder amphibische Angriffsschiffe zu ergänzen.
Was auch immer um 2015 in der Shanghaier Werft vom Stapel läuft, China braucht mindestens drei davon, denn es gilt die goldene Regel: einer der Werft, einer in Bereitschaft, einer auf See. Jeder der drei Träger braucht seine eigene Gruppe an Begleitschiffen und auch die muss China 3x selber bauen.
Kein Grund zur Aufregung
Erst die Eigenproduktionen werden tatsächlich zeigen, was von Chinas Trägerprogramm zu halten ist. Vielleicht ist die Shi Lang bis dahin nach ein paar Testfahrten auch wieder eingemottet worden. Selbst wenn sich die Shi Lang auf Fahrten im Südchinesischen Meer, Straße von Malakka, Golf von Oman und Golf von Aden sehen lassen sollte, na und? China tut nur das, was alle anderen UN-Vetomächte auch tun und versucht im Gegensatz zur UdSSR nicht eine globale Flottenpräsenz aufzubauen.
Wenn China versucht so seine Seelinien zu sichern oder militärische Beziehungen zu anderen Ländern durch ein paar Hafenbesuche untermauern will, dann sei es drum. Die Franzosen machen das doch auch. Andererseits ist es vielleicht gar nicht so verkehrt, wenn China mehr Engagement bei der Sicherung der Seewege (Somalia) übernimmt, wenn die westlichen Staaten ihre Kapazitäten aus finanziellen Gründen zurückfahren müssen. China hat genau so ein Interesse am ungestörten Verkehr von Containerschiffen wie der Westen.
Natürlich wird ein weiter aufstrebendes China sein wachsendes militärisches Gewicht hin und wieder für politischen Druck nutzen, um seine Interessen durchzusetzen. Wir haben aber gesehen, dass es noch ein weiter Weg ist, bis dieses Gewicht in Form von Flugzeugträgern überhaupt existiert. Daher besteht kein Grund zur Aufregung, da auch nicht zu erwarten ist, dass China anfängt mit Flugzeugträgern irgendwo zu intervenieren. Warum sollte China anfangen seine Reputation durch Militärinterventionen aufs Spiel zu setzen? Angesichts dessen, was die Welt gerade in Sachen Wirtschaft und Finanzen erlebt, sind Flugzeugträger zwar ein Symbol, aber nicht mehr der Schlüssel zur Macht. Wenn die chinesischen Träger Marke Eigenbau samt Begleitschiffen eines Tages einsatzbereit sind, dann dürfte Chinas wirtschaftliche und politische Macht so groß geworden sein, dass es die Träger zur Durchsetzung seiner Interessen gar nicht braucht.

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