Versorgungssicherheit wird neben Cyber Security das Thema dieses Jahrhunderts. Die Außen- und Sicherheitspolitischen Studienkreise e.V. haben dazu einen Sammelband vorgelegt, der nur empfohlen werden kann.
Thema dieses Jahrhunderts
Durch den kalten Sommer ist die Klimadebatte in Deutschland etwas abgekühlt. Das gilt jedoch nicht für die Debatte über die Auswirkungen des Klimawandels auf die internationale Sicherheitspolitik. Schon länger bereiten sich Militärs und Politiker in allen Anrainerstaaten auf die eisfreie Arktis vor. Außerdem freuen sich die Reedereien schon über den kürzeren Seeweg nach Asien ohne das Problem der Piraterie (Vgl.: Blunden 2009). Selbst die Chinesen sind bereits auf Island engagiert, um sich ihre Pfründe zu sichern, wenn das Geschäft im hohen Norden richtig los geht (Vgl.: Gutschker 2010).
Und für die Skeptiker: wenn selbst konservative Think Tanks wie CNAS ein Natural Security Programm unterhalten, muss an der Thematik etwas Wichtiges dran sein. Die Wechselwirkungen von Bevölkerungswachstum und Auswirkungen des Klimawandels tun ihr Übriges. Steigende Nachfragen nach Rohstoffen, Wohlstands- und Bevölkerungswachstum mitsamt dem Klimawandel machen Versorgungssicherheit neben Cyber Security zu dem Thema dieses Jahrhunderts. In diesem Komplex geht es um Rohstoffe aller Art, Wasser, Nahrung, Gesundheit, Migration, Naturkatastrophen, Energie und sichere Transportwege an Land wie auf See.
Die drei wichtigsten Beiträge
Genau diese wichtigen Fragen behandelt der Sammelband „Globales Rapa Nui? Frieden und Sicherheit im Zeichen des Klimawandels“ der Außen- und Sicherheitspolitischen Studienkreise e.V. Der Band profitiert dabei davon, dass seine Autoren sowohl aus der Wissenschaft wie aus der Praxis kommen, also mehrere Blickwinkel die Thematik abdecken.
In der Einleitung betonen die drei Herausgeber des Sammelbandes korrekterweise, dass Umweltkatastrophen, unabhängig von der geografischen Ausdehnung ihrer Auswirkungen, heute allein durch die mediale Aufmerksamkeit für diese Themen zwangsglobalisiert werden (Vgl.: Allhoff/Buciak/Maas 2011: 7). Um die Problematik zu veranschaulichen, skizzieren die Herausgeber den sogenannten „Rapa Nui“-Effekt. Diese auf eine Südsee-Insel zurückgehende, wenngleich etwas mutige Konstruktion, regt den Leser in der Einleitung bereits zum Nachdenken an. Der zweite Beitrag des Einführungskapitels gibt im Wesentlichen bekanntes Grundwissen aus den Zusammenhängen der Versorgungssicherheit wieder; wobei klar ist, dass ein solcher einleitender Aufsatz in einem wissenschaftlichen Band nicht fehlen darf. Zum am Anfang thematisierten Untergang Tuvalus sei allerdings angemerkt, dass Seidlers Sicherheitspolitik in Australien selbst von Experten erfahren hat, dass bisher keine pazifische Insel untergangen ist oder wird. Die neuere Forschung zeigt, dass die Inseln durch das Korallenwachstum mit dem Anstieg des Meeresspiegels mitwachsen.
Nach dem Einführungskapitel wird es in dem Band richtig interessant. Positiv ist, dass der Band nicht nur Themen und Regionen abdeckt, sondern auch Maßnahmen und Reaktionen, bisweilen in manchen Publikationen vernachlässigte Aspekte, thematisiert. Die drei wichtigsten Beiträge des Bandes sind die Aufsätze von Kristof Duwaerts, Axel Kreienbrink & Susanne Schmid und Elmar Janssen.
Duwaerts diskutiert „Energiesicherheit im Kontext des Klimawandels im asiatisch-pazifischen Raum“. Die Auswahl der geopolitisch in Zukunft wichtigsten Region macht Duwaerts Aufsatz damit zum wichtigsten Beitrag des gesamten Bandes. Was man hier lesen und an Wissen danach behalten muss, sind die Fallstudien über China, Indonesien und Malaysia (+ASEAN). Chinas Wichtigkeit versteht sich schon selbst, aber da die ASEAN-Mitglieder auch zu den aufstrebenden Staaten unserer Zeit gehören, ist deren Versorgungssicherheit ein Thema, dass der geo- und sicherheitspolitische Zeitgenosse kennen sollte. Indonesiens Bevölkerung wird innerhalb der nächsten 40 Jahre auf über 300 Mio. Einwohner steigen, begleitet von Wirtschaftswachstum – und das in einem Land, dass immer der Gefahr großer Naturkatastrophen ausgesetzt ist (s. Erdbeben & Tsunami 2004). Da lohnt es sich, mal einen Blick in diesen Aufsatz zu werfen.
Durch Somalia ist mit Afrika der Kontinent wieder äußerst akut geworden, den Kreienbrink und Schmid in ihrem Beitrag analysieren. Wobei die Frage im Titel des Artikels „Klimawandel und Migration als Sicherheitsfrage?“ gerade in Somalia und Kenia aktuell ohne jeden Zweifel mit Ja beantwortet wird. Der Beitrag wartet mit einer Unmenge von Zahlen, Daten und Fakten auf, wodurch man ihn 2x lesen sollte. Bei aller Ausführlichkeit weißt dieser Artikel einen Mangel auf, indem er die Problematik des massiven Aufkaufs landwirtschaftlicher Flächen und Produkte durch asiatische Staaten nicht thematisiert.
Der arabische Frühling, die laufenden Proteste in Israel, der festgefahrene Friedensprozess und die Gewalt in Syrien zeigen, der Nahe Osten bleibt ein prall gefülltes Pulverfass. Auch wenn es etwas merkwürdig klingt, aber die Wasserfrage ist ein wichtiges Teil dieses Pulverfasses. Wer wissen will, wie es in Sachen Wasser zwischen Israel, der massiv wachsenden palästinensischen Bevölkerung, Jordanien, Syrien und dem Libanon mitsamt der Hisbollah weitergehen könnte, ist im Elmar Janssen´s Beitrag über die Frage nach der Wirkung des Klimawandels in dieser Region gut aufgehoben.
Fazit
Nach dem Ausstieg aus der Kernenergie wird die Problematik der Versorgungssicherheit auch Deutschland irgendwann einholen. Sei es, dass die möglichen, angedachten Solarfarmen in der Sahara durch Krisen in Afrika gefährdet werden. Sei es, dass die Rohstoffe aus Afrika oder anderswo teurer und teurer werden. Auch ist nicht zu erwarten, dass sich die Situation in Afrika, aller Entwicklungshilfe und Good Governance-Papiere zum Trotz, irgendwann zum Guten wandelt. „Globales Rapa Nui? Frieden und Sicherheit im Zeichen des Klimawandels“ bietet als frische, deutsch-sprachige Publikation einen Einblick in ein Thema, dass jeder in der sicherheitspolitischen Szene kennen muss. Prädikat: sehr empfehlenswert.
Quellen und Lesenswertes
Allhoff, Steffen W.; Buciak, Sebastian K.; Maas, Achim (2011): Globales Rapa Nui? Frieden und Sicherheit im Zeichen des Klimawandels. Göttingen.
Blunden, Margaret (2009): The New Problem of Arctic Stability, IN: Survival, 51 (5), 121-142.
Gutschker, Thomas (2010): Kleine Insel, großes Spiel, IN: Internationale Politik, 65 (6), 108-113.
1 Kommentar:
Klingt spannend. Schade, dass so eine Publikation nicht (acuh) auf Englisch verlegt wird... grade im Rahmen des international-globalen Kontexts würde man sich das wünschen.
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