Sonntag, 12. Juni 2011

Die maritime Weltordnung – Neue Ketten, neue Perlen

Die Beschaffenheit der internationalen Ordnung wird in Zukunft zu hohem Anteil auf den Weltmeeren bestimmt. Dabei verschieben sich die Gewichte zu Ungunsten des Westens hin zu den BRICS. Allerding wird Chinas Anteil hier häufig zu hoch und Indiens zu niedrig bewertet. Auf der anderen Seite müssen die USA kürzen, während in Europa das britisch-französische Tandem den Ton angibt. Ganz sicher ist aber nur eine Entwicklung: der Traum von Global Zero endet an den Stränden der Konferenzzentren.

Wohin geht die Perlenkette?

Mit der Umsegelung der Südspitze Afrikas durch den Portugiesen Dias 1488 und der Entdeckung Amerikas durch Kolumbus vier Jahre später begann die europäische Dominanz auf den Weltmeeren. Der Atlantik wurde quasi zum europäischen Binnenmeer. Über eine Perlenkette von Stützpunkten kontrollierten bis etwa 1600 die Portugiesen, dann die Niederländer und später die Briten den Indischen Ozean. Die Brennpunkte der maritimen Welt waren Sevilla im 16., Amsterdam im 17. und London ab dem 18. Jahrhundert.

Damit ist es vorbei. Die ehemaligen Seemächte Portugal und Spanien kämpfen heute ums finanzielle Überleben. In den Niederlanden zerbrach vor über einem Jahr eine Regierungskoalition am Einsatz in Afghanistan. Vom britischen Empire, der Dominanz der Royal Navy und ihrer „Perlenkette“ sind nur noch die Falklands, eine Präsenz am Horn von Afrika und im Persischen Golf übrig. Die ehemals stolze Seemacht Großbritannien zog letztes Jahr ihre gesamte Harrier Flotte aus dem Verkehr und legte alle Flugzeugträger bis auf einen still. Die verbleibende HMS Illustrious ist aber nur noch mit Hubschraubern, nicht mehr mit Flugzeugen ausgerüstet, worüber man sich in London während des Libyen Krieges sicher sehr geärgert hat.

Heute verfügen nur USA über eine weltumspannende Perlenkette von Stützpunkten. Mittlerweile wird jedoch quasi inflationär darüber diskutiert, wann China im Pazifik (Ozeanien) und im Indischen Ozean (Burma, Sri Lanka, Pakistan) seine eigenen Perlenketten zusammensetzt. Inwieweit die USA mangels Geld einzelne Perlen aus ihrer Kette nehmen, bleibt offen. Sicher ist, die neue maritime Weltordnung wird keine sein, die von der Perlenkette eines einzelnen Staates (oder Bündnisses) dominiert wird.

Der deutsche Verteidigungsminister sprach schon von einer zunehmend wichtigeren Rolle der Marine. Wie Deutschland die bezahlen will ist eine andere Frage, aber Fakt ist, die Beschaffenheit der neuen multipolaren Weltordnung des 21. Jahrhunderts wird zu erheblichen Anteil auf den Ozean entschieden. Ansonsten würden Fachwelt und Presse nicht monatelang über einen chinesischen Flugzeugträger diskutieren, auf dem noch nie ein Flugzeug gelandet ist.


Die BRICS lichten die Ankerketten
Brasilien, Russland, Indien, China und Südafrika ist ein zweistelliges prozentuales Wachstum ihrer Rüstungsausgaben von 2000 bis 2009 gemein. Trotz oder im Falle Chinas und Indiens gerade wegen aller Aufrüstung bilden diese Länder zusammen keinen militärischen oder maritimen, sondern nur einen politischen Block. Indien und China sind auf den Meeren keine Partner, sondern Kontrahenten. Beide unterhalten allerdings wieder gute maritime Beziehungen zu Russland. China über gemeinsame Manöver und Indien über die Rüstungsgeschäfte. Maritime Blockbildung findet aktuell ohne Russland und China zwischen Indien, Brasilien und Südafrika (IBSA) statt. Im Jahr 2008 übten die IBSA-Marinen zum ersten Mal gemeinsam vor der südafrikanischen Küste. Zwei Jahre später wurde dieses Manöver wiederholt. Die Einführung eines Seriennamens mit IBSAMAR 1/2 bedeutet, mit diesen Übungen ist in Zukunft regelmäßig zu rechnen. Natürlich betonen die beteiligten, die Übungen seien rein defensiv ausgerichtet und dienten auch nicht der Schaffung eines militärischen Paktes. Das kann man glauben, denn es gibt weder einen gemeinsamen Gegner noch besteht die Wahrscheinlichkeit einer gemeinsamen Militärintervention der drei Staaten irgendwo auf der Welt. Auf dem BRICS-Gipfel im April einigten sich Indien und Südafrika, dieses Mal ohne Brasilien, auf weitere gemeinsame Marinemanöver. Hier geht es vor allem um Prestige. Indien demonstriert seine Operationsfähigkeit im indischen Ozean, Brasilien macht außerhalb seiner Hemisphäre auf sich aufmerksam und Südafrika zeigt, dass es militärisch ein wenig mit den großen Jungs mitspielen kann. IBSA lässt so die westlichen Staaten wissen, die Zeiten europäischer/westlicher Binnenmeere sind für immer vorbei und die neuen Mächte können auch ohne den Westen auf den Meeren agieren wie sie wollen. Nun mag das zur Zeit keinen vom Hocker reißen, aber richtig interessant würde die maritime Perlenkette Indien – Süd Afrika - Brasilien dann, wenn die Strecke durch den Suez Kanal bis in den Indischen Ozean, sei es durch Veränderungen in Ägypten, den Kollaps des Jemen, Unruhen in Saudi Arabien oder die Piraterie in Somalia, irgendwo blockiert wäre. Müsste der gesamte Schiffsverkehr um Afrika rum, stünde IBSA auf einmal an der Frontlinie globaler Versorgungssicherheit mit all ihren geopolitischen Implikationen.

Brasilien macht über diese Gedanken hinaus mit dem Südatlantik eine Region wieder interessant, die man auf der Prioritätenliste maritimer Sicherheit seit dem Falkland-Krieg 1982 auf den hintersten Plätzen sah. Die Bekämpfung des Drogenhandels auf See ist dabei das eine, aber wesentlich wichtiger ist das Öl. In der Tiefsee vor der Küste Brasiliens liegen so große Öl-Vorkommen, dass das Land unter die Top 10 der Öl-produzierenden Staaten kommen wird. Dabei ist die Suche dort noch lange nicht beendet. Eigentlich sollte eine moderate Vergrößerung der bestehenden Flotte von fünf U-Boote, zehn Fregatten, fünf Korvetten und einem Flugzeugträger (Grebe; Schwarz 2011: 317) ausreichen, um die heimischen Küsten und Öl-Plattformen zu schützen. Jedoch bemüht sich Brasilien neben neuen Überwasserschiffen um amphibische Angriffsschiffe (Vgl. Ebd.), ein Atom U-Boot (SSN) und vier konventionell angetriebene U-Boot der Scorpene Klasse aus Frankreich.

Brasiliens Selbstbewusstsein ist mittlerweile groß genug, neben den Übungen mit Indien dessen maritimen Rivalen China bei seinem Flugzeugträgerprogramm zu helfen. So unglaublich es klingen mag, Peking ist bei seinem Trägerprogramm auf Brasilia angewiesen. Dazu ein paar Details. Pekings erster wie wahrscheinlich auch die folgenden Träger werden nach dem STOBAR (Short Take Off But Arrested Recovery) Design gebaut. Das heißt, die Flugzeuge starten mit konventionellem Antrieb über eine Sprungschanze am Bug. Aktuell betreibt nur Russland (Admiral Kuznetsov) einen derartigen Träger. Nur noch drei andere Länder betreiben Träger, die konventionell angetriebene Flugzeuge starten und aufnehmen können, allerdings mit dem CATOBAR (Conventional Take Off But Arrested Recovery) Design. Diese drei sind die USA, Frankreich (Charles de Gaulle) und eben Brasilien (Sao Paulo). Da sowohl Russland, Frankreich wie die USA nicht willens sind, den Chinesen zu helfen, bleibt als Partner für Training und Ausbildung nur Brasilien (Vgl.: Thaler 2010: 1). Die Brasilianer dürften dafür mindestens politische Gegenleistungen einfordern, aber wer weiß, ob China mit seinen prall gefüllten Kassen nicht die eine oder andere Rechnung für den Träger begleicht.

Wenngleich der Schutz der Seewege militärisch für Brasilien Priorität genießt (Grebe; Schwarz 2011: 322), scheint Prestige Brasiliens wichtigstes maritimes Motiv zu sein. Atom-U-Boote, Flugzeugträger und amphibische Angriffsschiffe sind für den Schutz der Öl-Vorkommen vor der Küste nicht zwingend notwendig. Was den Schutz der Seewege angeht, ist Brasilien schlicht zu wenig blockadeanfällig. Aber wer als aufstrebende Macht mit Indien und vielleicht eines Tages auch China oder den USA gemeinsame Manöver durchführen will, braucht das geeignete Material, um auf Augenhöhe mitmachen zu können. Dazu kommt das Streben nach einem ständigen Sitz im UN-Sicherheitsrat, dem es nicht abträglich ist, wenn man die Fähigkeit besitzt, sich ggf. militärisch an internationaler Krisenbewältigung zu beteiligen und Verantwortung zu übernehmen.

Russland macht vor allem im Vergleich zu China und Indien den Eindruck von „will, aber kann nicht“. Selbst die staatliche russische Nachrichtenagentur RIA Novosti berichtet, dass Russland nicht in der Lage ist weitere Auslandsbasen des Militärs zu bezahlen. Anstatt neuer Flugzeugträger kauft Russland nach langem Hin und Her von Frankreich vier Hubschrauberträger der Mistral Klasse; zwei werden in Russland gebaut. Zwei davon sollen in die Pazifikflotte eingegliedert werden. Auch Russland reagiert also auf die Verschiebung der geopolitischen Gewichte. Allerdings werden Russlands Helikopterträger neben den chinesischen und amerikanischen Flugzeugträgern sowie den koreanischen und japanischen Helikopterträgern im Pazifik ziemlich blass aussehen. Selbst wenn es den Russen in Zukunft gelingt, eine Startrampe an den Bug der Mistral Schiffe zu bauen, fehlen Russland die Senkrechtstarter, um aus den Helikopterträgern Flugzeugträger zu machen. Auch wenn die russische Marine wieder am Horn von Afrika herumfährt und an NATO Manövern teilnimmt, wird Russland nicht zu den Perlen der neuen maritimen Weltordnung gehören. Stattdessen wird man Moskau zugucken müssen, wie Peking langsam den russischen Wunsch nach Augenhöhe mit den USA immer näher kommt. Was den Russen dann noch bleibt, um sich irgendwie interessant zu machen, ist der Streit um die Raketenabwehr.

Indien muss nicht mehr auf sich aufmerksam machen, denn alle Welt guckt bereits gebannt dort hin. Obama, Sarkozy und Medwedew sprachen sich für einen ständigen Sitz Indiens im UN-Sicherheitsrat aus. Um die Ausschreibung Indiens für neue Kampfflugzeuge bemühten sich ein halbes Dutzend Anbieter. Da Indien mitten im Ozean des 21. Jahrhunderts liegt, braucht es auch keine Perlenkette an Stützpunkten. Wagt sich die indische Marine regelmäßiger als heute ins Südchinesische Meer vor, müssten Länder wie Vietnam, die Philippinen oder Japan ihre Häfen öffnen. Ausgeschlossen ist das angesichts Chinas aggressiverem Auftreten nicht, denn diese Staaten könnten einem starken Alliierten wie Indien nicht abneigt sein. Dieser potentielle Alliierte tut einiges für seine Stärke in dem Bewusstsein, eines Tages der PLAN in seinen Heimatgewässern zu begegnen. Ein chinesischer Träger wird zwischen 2015 und 2020 im indischen Ozean auf mindestens zwei indische Gegenstücke treffen. Die INS Viraat wird den von Indien gekauften russischen Träger Admiral Gorshkov entweder ersetzen (Vgl.: Thaler 2010: 4) oder bis zur Indienststellung der selbstgebauten Träger ergänzen. Von den neuen Trägern der Vikrant Klasse (STOBAR) sollen mindestens zwei, langfristig wahrscheinlich mehr gebaut werden.

Spannend an der Sache ist, während sich alle Welt über Chinas Trägerprogramm den Kopf zerbricht, wird über Indiens Ambitionen kaum gesprochen. Dabei darf man schon fragen, was Chinas Trägerprogramm in den Kinderschuhen tatsächlich wert ist, wenn die PLAN im indischen Ozean und auch im südchinesischen Meer nicht nur amerikanischen, sondern auch indischen Trägerkampfgruppen begegnet. Vorausgesetzt Indien gelingt die Umsetzung seines Vorhabens immer zwei Trägergruppen einsatzbereit zu halten, was man für wahrscheinlich halten darf. Bezieht man Indiens Bauprojekt eigener Atom-U-Boote (SSN & SSBN) mit ein, relativieren sich Chinas „Blue Water“ Ambitionen und die Diskussion um Chinas im Bau befindliche Perlenkette im indischen Ozean.

Chinas maritime Ambitionen mit Sorge zu betrachten, ist mittlerweile, auch hier, zum allgemeinen Trend geworden. Stützpunktbau, Trägerprogramm, U-Boote und die jährlich wachsenden Rüstungsausgaben und neuen Rüstungsprojekte wie neue Zerstörer und U-Boote (Vgl.: Rehman 2011: 13) führen zu einer ganzen Flut von Artikeln über die globale Seemacht China. Selbst eine simple Evakuierung seiner Staatsbürger aus Libyen durch China trägt zu diesen Diskussionen bei, aber niemand wird durch Abtransport seiner Staatsbürger zur maritimen Großmacht. Nach genauerer Betrachtung muss man Chinas Platz in der neuen maritimen Welt-, nicht Regionalordnung allerdings relativieren.

Der neue Träger mit dem Namen Shi Lang ist nicht mehr als ein Schulungs- und Studienobjekt, das dazu dient das in Brasilien gelernte auszuprobieren. Diese Lernphase dauert mehrere Jahre und dazu muss China eine gesamte Versorgunginfrastruktur samt Begleitschiffen rund um den Träger bauen. Wenn es dazu kommt, dass China um 2020 beginnt eigene Trägerkampfgruppen in den pazifischen und indischen Ozean zu schicken, schwimmen da bereits bestens eingespielte amerikanische und indische Gruppen. Indische Stimmen sprechen von Zahlen wie 2030 was eine bedeutendere maritime Machtprojektion Chinas im indischen Ozean angeht (Vgl.: Agnihotri 2010: 44). Chinas mittlerweile konstante Präsenz am Horn von Afrika zur Pirateriebekämpfung ist zwar ein kleiner Vorgeschmack, darf aber trotz der aggressiveren Rhetorik chinesischer Admiräle als lokal begrenztes Phänomen nicht überbewertet werden. Vom Malakka-Dilemma mal abgesehen, sind die Versorgungskorridore chinesischer maritimer Machtprojektion alles andere als sicher. Kollabierten Pakistan und/oder Burma, was ja nicht auszuschließen ist, fielen zwei entscheidende Versorgungsperlen für China von der Kette. Bevor man also über die globale Seemacht China weiter diskutiert, kann zuerst ein wenig durchatmen.

Regional sieht es dann etwas anders aus. Viele Staaten der asiatisch-pazifischen Region wie Australien, Indonesien, Japan, Südkorea, Vietnam und Malaysia rüsten als Reaktion auf China munter mit. Allen Abgekommen und Deklarationen zum Trotz schaffen es EAS, ASEAN+3/6 und bilaterale Dialoge auch nicht, diese Entwicklung einzudämmen. Stattdessen wird China regional immer aggressiver, wie jüngste Konfrontationen mit den Philippinen (Vgl.: Bower 2011: 3) und Vietnam sowie neue Manöver im West-Pazifik bestens belegen.

Natürlich wird China hinter den USA in der neuen maritimen Weltordnung quantitativ dauerhaft Platz zwei besetzen. Mit Blick auf andere Nationen (Indien, französisch-britisches Tandem) darf man aber zumindest an der Qualität der PLAN auf globaler Ebene noch zweifeln. So schnell wird die Welt chinesische Interventionen alá Libyen 2011, Sierra Leone 2000 (GB) oder Salomonen 2003 (AUS) nicht erleben.

Südafrika besitzt und behält auch in Zukunft die „modernsten Marinekräfte auf dem afrikanischen Kontinent“ (Grebe; Schwarz 2011: 319). Als mit Abstand kleinste Marine der BRICS (22 Schiffe) definiert sich die Stellung des Landes vor allem über seine geografische Lage. Außer dem schon etwas älteren Beschaffungsvorhaben von amphibischen Angriffsschiffen (LHD) sind keine Ansätze in Richtung Blue Water Navy erkennbar. Sollten die LHDs tatsächlich einmal kommen, beschränkt sich deren Einsatzgebiet wohl auf die afrikanischen Küsten südlich der Sahara (Katastrophenhilfe, UN-Krisenbewältigung, u.ä.). Wahrscheinlich wird Südafrika wie Brasilien auch vom Prestigegedanken getrieben.

Reißt die US-Perlenkette?

Die quantitative und qualitative Dominanz der US Navy bleibt bis auf weiteres ungebrochen. Die U-Boot Flotte wird modernisiert (Virginia Klasse, SSN). Die Trägerflotte (Gerald R. Ford Klasse) und die amphibischen Angriffsschiffe (America Klasse) ebenfalls. In der Zukunft dürfte sich die Flottenzahl der USA zwischen „280 und 313“ Schiffen bewegen (Rehman 2011: 13). Doch da ist das große Fragezeichen des Geldes. Ob die America Klasse die nötig Senkrechtstarter vom Typ 35B erhält, ist angesichts der explodierenden Kosten des Programms offen.

Bei der galoppierenden Staatsverschuldung in den USA, sind drastische Kürzungen im Verteidigungsetat unvermeidlich. Mit 689,1 Mrd. US Dollar ist allein der Etat des Verteidigungsministeriums für rund 20% der Ausgaben verantwortlich (s. hier S.7/9). Die sicherheits-/verteidigungspolitisch relevanten Posten im Energieministerium oder anderen Etats nicht miteingerechnet. Auch wenn es viele Republikaner (noch) nicht wollen, die USA müssen kürzen. Dann entstehen zwangsläufig Risse in der US Perlenkette. Sind das heutige Basensystem, 11 Trägerkampfgruppen, acht LHDs, neue Zerstörer und neue U-Boote noch bezahlbar? Wenn ja, in welchem Maße? Dass die USA ihre Kosten senken wollen, haben wir an der Zurückhaltung bei der Intervention in Libyen schon sehen können. Um im asiatisch-pazifischen Raum wenig Abstriche machen zu müssen, werden die USA wohl vor allem ihre euro-atlantische Perlenkette ausdünnen. Perlen wie Guam und Diego Garcia werden die USA niemals fallen lassen.

Tandem statt Europa
Europa spielt in der neuen maritimen Weltordnung keine besondere Rolle. Allenfalls fällt diese dem britischen-französischen Tandem zu, wie man in Libyen auch bereits sehen konnte. Nur diese beiden Länder verfügen sowohl über die Fähigkeiten und den Willen zum weltweiten maritimen Engagement im wahrnehmbaren Ausmaß; Großbritannien allerdings mit Indienststellung des neuen Trägers der Queen Elizabeth Klasse um 2015. Das Tandem versteht sich durch die Vereinbarung über die Wartungsintervalle der Träger und deren Interoperabilität sowie den Libyen-Krieg offensichtlich hervorragend. London und Paris fahren gemeinsam zur See. Wo bleibt der Rest Europas? So genau kann das niemand sagen, aber wahrscheinlich steht der Rest der Europäer vor seinen leeren Schatztruhen. Zu den notwendigen Schritten von Pooling, Spezialisierung und gemeinsamen Einheiten werden sich die Europäer zu Lasten ihrer nationalen Souveränität wohl mal wieder nicht durchringen können.

Neue Perle Australien
Eine der neuen maritimen Perlen wird Australien. Mit direktem Zugang zu indischem Ozean und Pazifik sowie in naher Distanz zum Südchinesischen Meer befindet sich Australien in der geopolitischen „top center“ Position (Rehman 2011: 1). Seit der Verabschiedung des neuen Defence White Paper 2009 arbeitet Canberra mit Hochdruck an der Erweiterung seiner Marine etwa durch zwei neue LHDs (Canberra Klasse), Fregatten und U-Boote (Rehman 2011: 10). Die seit langem bestehende, äußerst enge Allianz und die geografische Lage machen Australien als Partner zu einer wahren Perle für die USA. Und anders als die zögerlichen Europäer investieren die Australier nicht nur in ihr Militär, sondern sind auch gewillt es, wenn nötig, einzusetzen (Salomonen). Das dürfte den Amerikanern sehr gefallen.

Weltordnung ohne Kette, Rüstung ohne Grenzen
Das Thema Rüstungsbegrenzung scheint auf dem Meer irgendwie niemanden zu kümmern. Während überall die Rede davon ist, dass auf den Meeren die Konflikte der Zukunft heraufziehen, macht niemand Anstalten etwas für Konfliktprävention oder gegen die ausufernde Rüstung zu tun und der neuen maritimen Weltordnung Ketten anzulegen. Stattdessen machen alle Staaten in Sachen Rüstung, Rüstungsexport, Manöver und Basen Bau was sie wollen. Es sieht nicht danach aus, dass sich daran irgendetwas ändern wird. Die USA werden trotz Pleite um ihre Vormachtstellung kämpfen, China rüstet munter weiter und um die Plätze dahinter rangeln sich, in welcher Reihenfolge auch immer, Russland, Frankreich/Großbritannien, Indien, Brasilien und Australien.

Zum Abschluss ist noch eines sehr interessant. Der Traum von Global Zero endet offensichtlich an Stränden der Konferenzzentren. In den USA diskutiert man aktuell darüber, ob man bei der neuen Generation strategischer Raketen-U-Boote (SSBN X), explizit Kernwaffenträger, nicht kürzen sollte. Wirklich bemerkenswert ist, bei der ganzen Diskussion über ein neues Kernwaffenträgersystem wird kein einziges Wort über Global Zero verloren. Die Regierung Obama stellt SSBN X nirgendwo in einen Abrüstungskontext, sondern nur unter Finanzierungsvorbehalt. Bau von SSBN und Welt ohne Atomwaffen passen nicht zusammen. So viel zum Thema Reden und Handeln. In Peking, Moskau, London, Paris und Neu Dehli sieht man das ähnlich und arbeitet weiter an Instandhaltung, Modernisierung und Neubau seiner SSBNs. Israel kann dank deutscher Hilfe und deutschem Steuergeld auf SSBN verzichten, denn es hat ja die Dolphin U-Boote als Kernwaffenträger zur nuklearen Abschreckung. Egal welche Entwicklung die neue maritime Weltordnung am Ende nimmt, zumindest die nuklearen Perlen werden nicht von der Kette fallen.

Quellen und Lesenswertes:
Agnihotri, Kamlesh Kumar (2010): China's Naval Aviation and its Prospective Role in Blue Water Capabilities of the PLA Navy, IN: Maritime Affairs: Journal of the National Maritime Foundation of India, 6 (2010), Nr. 2, 23 – 48.
Bower, Ernest Z. (2011): Antidote for a Cold War with China. Ed.: CSIS South East Asia Program.
Grebe, Jan; Schwarz, Christoph (2011): Die maritime Aufrüstung der Schwellenländer: strategische und friedenspolitische Implikationen, IN: Johannsen, Margret; Schon, Bruno u.a. (Hg.): Friedensgutachten 2011. Berlin, 316-327.
Rehman, Iskander (2010): The Implications of China's Aircraft Carrier Plans for Vietnam in the Spratlys.
Rehman, Iskander (2011): From Down Under to Top Center Australia, the United States, and this Century’s Special Relationship. Transatlantic Academy Paper Series, May 2011.
Thaler, Kai (2010): Using BRIC to build at sea: The Brazil-China aircraft carrier agreement and shifting naval power. IPRIS View Points, January 2010.

0 Kommentare:

Kommentar veröffentlichen