Montag, 15. November 2010

Himalaya und Malakka - Die fallenden Barrieren zwischen Indien und China

In diesem Jahr feierten die diplomatischen Beziehungen Chinas und Indiens ihren sechzigsten Geburtstag. Zum Jubiläum beschenkten sich beide Seiten mit einem deutlichen wachsenden Handelsvolumen, so dass China mittlerweile Indiens größter Handelspartner ist. Dies kann jedoch nicht über die deutlich zunehmenden Rivalitäten zwischen Peking und Neu Dehli hinwegtäuschen.

Der Himalaya und die Straße von Malakka sind die beiden natürlichen geographischen Barrieren, welche die beiden aufstreben Mächte voneinander trenn(t)en. Als Konsequenz des wirtschaftlichen, militärischen, kulturellen und vor allem politischen Aufstiegs beider Länder, werden diese Barrieren in den kommenden Jahren immer weiter in sich zusammenfallen.

Politisch haben Dehli und Peking auf der internationalen Ebene bei Verhandlungen um Klimapolitik, Welthandelsfragen und der globalen Finanzordnung kooperiert (Vgl.: Pant 2010). Außerdem wächst das Handelsvolumen zwischen beiden Staaten um 25 Mrd. US-Dollar pro Jahr (Vgl.: Ladwig 2009: 88). Die wachsenden politischen wie wirtschaftlichen Bande sind ein positiver Stabilisierungsfaktor für die Region. Denn wo man mitaneinander spricht und handelt, sinkt die Wahrscheinlichkeit, dass (zwischen zwei Atommächten) geschossen wird. Jedoch werden die geopolitischen Muskelspiele der bestimmende Faktor zwischen Indien und China sein.

Himalaya – Fallen unter Druck
Die 3400km lange Grenze im Himalaya ist die erste Barriere, die vor allem durch die Muskelkraft Pekings zufallen beginnt. Der Komplette Grenzverlauf ist bis auf Sikkim zwischen Nepal und Bhutan komplett umstritten. Im Westen erhebt Indien Anspruch auf das entlegene Aksai Chin, welches China während des Grenzkrieges 1962 besetzte. Die östliche indische Provinz Arunachal Pradesh wird von Peking als Teil seines Territoriums angesehen.

Sehr deutlich wurden die großen Spannungen an der Grenze an Hand der harten Reaktionen Chinas auf einen Besuch des Dalai Lamas in Arunachal Pradesh 2009. Militärische Manöver Chinas provozierten indische Truppenverlegungen in die Region. Den militärischen Muskelspielen folgten eine politische Eiszeit und die Erkenntnis Neu Dehlis, gegen Peking im Falle eines militärischen Armdrückens nicht mithalten zu können.


Die Sorgen Indiens scheinen nicht unberechtigt. Abseits von der gemeinsamen Grenze werden Chinas Arme um die ehemalige britische Kronkolonie herum immer länger. Die Häfen von Gwadar und Karachi wird Peking mit neuen Straßen und Eisenbahnen via Tibet für sich erschließen. Diese Infrastrukturprojekte verstärken die wirtschaftlichen und politischen Bande mit Pakistan enorm und bieten China die Möglichkeit einen Marinestützpunkt an der pakistanischen Küste über Land zu versorgen.

Chinas Druck auf Indiens Nordgrenze hat jedoch nicht nur strategische, sondern auch wirtschaftliche Gründe. Vor drei Jahren wurden in Tibet große Mengen an Kupfer, Zink, Eisen, Uran und Lithium gefunden (Vgl.: Howard 2010: 1). Dass Peking hier groß investieren wird, ist angesichts seines wachesenden Rohstoffbedarfs sicher. Hervorzuheben ist das Lithium, welches, da für die Hightech-Industrie notwendig, momentan eine rapide wachsende globale Nachfrage erfährt. Die ersten Investitionsvorhaben laufen bereits. Weitere werden folgen. Von Lahsa aus baut China seine Schienennetze Richtung Nepal, Sikkim und Arunachal Pradesh aus (Vgl.: Economist 2010). Der Nebeneffekt der neuen Gleise für die Volksbefreiungsarmee sind natürlich leichtere Möglichkeiten zur Truppenverlegung.

So wird man in Neu Dehli mit einem stetig wachsenden Druck an seiner Nordgrenze konfrontiert sein. Sprich, die Barriere Himalaya fällt. Da man diese Entwicklung weder eindämmen noch verhindern kann, wäre ein logischer Schritt für Indien die Kooperation zu suchen. Von einer Verbindung der Eisenbahnnetze könnten die unterentwickelten Grenzregionen speziell und beide Länder allgemein wirtschaftlich profitieren. Angesichts der realpolitisch Verhältnisse und der Wahrnehmung Pekings in Neu Dehli erscheinen derartige Projekte bis auf weiteres unrealistisch.

Ähnliche Entwicklungen zeichnen sich für eine weitere extrem wichtige Ressource Tibets, nämlich Wasser, ab. Aus den Gletschern des Himalayas werden Indus, Ganges und Brahmaputra gespeist. Ersterer fließt durch den indischen Teil Kaschmirs und stellt die Hauptwasserversorgung Pakistans dar. Ganges und Brahmaputra sind die Hauptwasseradern für mehrere hundert Millionen Menschen in Nordindien und Bangladesch. Durch Klimawandel und Bevölkerungswachstum werden die Wasserfragen am Himalaya akuter werden. Der Wasserdruck auf die Barriere Himalaya wird durch chinesische Pläne für Wasserkraftwerke noch verschärft.

Die unter Druck fallende nördliche Barriere ist für Indien ein strategischer Nachteil, da China auch durch seine Aktivitäten in Pakistan, Myanmar, Sri Lanka und im indischen Ozean Druck auf Indien ausübt. Entscheidendes Problem für Indien: Man kann Chinas Vorgehen nicht verhindern. So wurde vor kurzem bekannt, dass Volksbefreiungsarmee Mittelstreckenraketen nach Zentralchina verlegt hat (Vgl.: Kristensen 2010). Diese Maßnahme unterstreicht, Peking steht strategisch und geografisch wesentlich näher vor Neu-Dehlis Haustür als umgekehrt.


Die Straße von Malakka – Fallen durch die Kraft des Wassers
Robert D. Kaplan schreibt in seinem kürzlich erschienen Buch „Monsoon“, die Straße von Malakka sei das „Fulda Gap“ des 21. Jahrhunderts. So dienen die Pläne Chinas in Indiens Nachbarländern dazu, diese 800km lange und 55km Wasserstraße als Barriere zu Fall zu bringen.

Pakistan wurde bereits erwähnt. Wichtiger sind hier die laufenden chinesischen Projekte in Myanmar. Häfen, Straßen, Schienen- und Seewege im Irrawaddy-Korridor werden gen der chinesischen Provinz Yunnan ausgebaut. In Bangladesch erweitert China den Hafen von Chittagong und im Süden von Sri Lanka wird in Hambantota ein komplett neuer Tiefseehafen aus dem Boden gestampft (Vgl.: Bajaj 2010).

All diese Bemühungen Chinas haben nur einen Zweck: Die Barriere Malakka soweit wie möglich zu umgehen. In den erweiterten Häfen ließen sich Kriegsschiffe versorgen oder Güter über die neuen Verkehrswege ohne Umweg an Singapur vorbei nach China schaffen. So wäre Peking von der Gefahr der Blockade befreit. Jedoch weiß man in Peking, das man sich vom Malakka Dilemma nicht befreien kann. Allen Verkehrsprojekten zum Trotz, ist es technisch schwer vorstellbar massive Mengen an Gütern oder Rohstoffen per Bahn über den Himalaya oder durch Burma zu schaffen. Einzige Ausnahme wären Pipelines für Öl oder Gas. In diesem Kontext kann die Barriere Malakka also nicht komplett fallen.

Anders sieht es auf der politischen und militärischen Ebene aus. Vor allem die wachsende Rüstung ist Anlass zur Sorge. Fast 90% der chinesischen Rüstungsverkäufe gehen in Länder rund um den indischen Ozean (Vgl.: Malik 2010: 1148). Als Reaktion auf Chinas Aufrüstung und seine Exporte investiert Indien selbst massiv in sein Militär. Konkret geht es dabei um 300 Exemplare der neuen russischen Suchoi T-50 („5th Generation Fighter“) sowie weitere SU-33 Kampfjets. Dazu kommen auf dem Einkaufszettel Transportflugzeuge und Panzer.

Politisch drängt Indien über die Straße von Malakka nach Osten hinaus. Man ist auf der Suche nach mehr politischer, aber auch wirtschaftlicher und militärischer, Verständigung mit Singapur, Indonesien, Thailand, Vietnam, Taiwan, den Philippinen, Australien, Japan und nicht zuletzt den USA (Vgl.: Malik 2010: 1149; Ladwig 2009: 87). So hofft man in Neu Dehli, dem Druck Chinas auf die eigenen Grenzen durch mehr Engagement im asiatisch-pazifischen Raum etwas entgegensetzen zu können. Doch Peking weiß sich zu wehren und konnte in der Vergangenheit wachsenden indischen Einfluss in Südasien weitgehend verhindern. So wurde in Indien bei den ASEAN+3/ East Asian Community Gesprächen zusammen mit Australien und Neuseeland in die politische Peripherie (ASEAN+6) abgeschoben (Vgl.: Rehmann 2009: 120).

Endgültig fällt die Barriere Malakka durch die maritime Rüstung beider Länder. Das Vorhaben Chinas eine Hochseemarine mit Flugzeugträgern aufzubauen ist bekannt. Genauso wie China arbeitet auch Indien an mit großem Engagement an seiner Marine. Nicht nur um der Volksbefreiungsmarine im indischen Ozean entgegenzutreten, sondern auch um jenseits der Straße von Malakka Flagge zeigen zu können. Indien arbeitet an strategischen Raketen-U-Booten, weiteren Flugzeugträgern und leaste zu Studienzwecken ein russisches Atom-U-Boot. Weiterhin plant Indiens Marine bis 2022 160 oder mehr Schiffe ihr Eigen zu nennen, darunter drei Flugzeugträger (Vgl.: Ladwig 2010: 95).

Der Flugzeugträger INS Viraat und andere indische Kriegsschiffe wurden von der indischen Regierung einzelne Male ins Südchinesische Meer entsandt (Vgl.: Ladwig 2009: 95). Dabei ging es aber nicht um reale militärische Operationen, sondern vielmehr um die politischen Signale ausgehend von den Besuchen u.a. vietnamesischer und philippinischer Häfen.

Wie die Rüstungsanstrengungen zunehmen, so wird sich auch die maritime Präsenz beider Länder auf den Ozeanen und Meeren verstärken. Schickte China regelmäßig Flugzeugträger in den indischen Ozean, würde Indien in umgekehrter Richtung nachziehen. Bereits heute zeigt die indische Marine mit U-Booten im südchinesischen Meer Präsenz, welche an Übungen mit anderen Staaten teilnehmen. Wenn die Kapazitäten vorhanden sind, wird die indische Präsenz auch mit Überwasserschiffen oder Flugzeugträgern wohl deutlich zunehmen. Dies zeigt sich auch dran, dass Indien, wohl auch als Reflex gegenüber den chinesischen Projekten Pakistan und Myanmar, mit Vietnam, Taiwan und Japan über Zugangsrechte für Häfen verhandelt (Vgl.: Rehman 2009: 135; Malik 2010: 1149). Dabei geht es Indien einerseits um die geopolitischen Muskelspiele andererseits auch um die Sicherung seiner Handelswege. Ein solch maritimes Vorgehen Indiens würde zweifelsohne deutliche Reaktionen aus Peking provozieren. Man male sich aus, wie scharf Peking – abseits seiner eigenen Operationen im indischen Ozean - reagieren würde, richtete die indische Marine dauerhafte Präsenzen auf Stützpunkten in Taiwan oder Japan ein. In Vietnam ist Indien heute bereits dabei, der vietnamesischen Marine unter die Arme zu greifen, sucht Hanoi doch nach Hilfe um dem Druck Chinas zu begegnen (Vgl.: Rehman 2009: 133f.).

Um die Barriere Malakka für China noch etwas zu erhalten, nahm Indien 2009 einen Militärstützpunkt auf den Andamanen Inseln in Betrieb. Die dort stationiert SU-30 Kampfjets könnten der Volksbefreiungsmarine durchaus Sorgen bereiten. Auch dieser Teil des Muskelspiels ändert nichts daran, dass die Barriere Malakka fällt. In die eine wie die andere Richtung. Gleiches gilt, mit strategischem Vorteil für China, auch für den Himalaya.

Skeptiker behaupten, der indische wie chinesische Aufstieg sein dem Risiko innerer Probleme ausgesetzt. Die zweifelsohne Richtige Beobachtung der inneren Probleme beider Staaten wird aber die langfristige Wachstumskurve der politischen, wirtschaftlichen, militärischen und kulturellen Muskelkraft Chinas und Indiens nicht aufhalten, sondern ggf. für kurze Pause sorgen können.

Was auffällt, bei allen Themen rund um die chinesisch-indischen Muskelspiel, ASEAN, East Asian Community und East Asian Summit spielt Europa absolut keine Rolle. Politisch sind hier die USA an der Tabellenspitze, wie Obamas Besuch in Indien vor kurzem unterstreicht. Russland drängt auf den zweiten Platz. Australien und Japan werden im oberen Mittelfeld dieser Liga mitspielen. Diese ist jedoch die erste Liga unserer Zukunft. Europa fällt in die zweite Liga hinter die Barrieren Dnjepr und Bosporus zurück.

Quellen und Lesenswertes:
Bajaj, Vikas (2010): India Worries as China Builds Ports in South Asia.
Berger, Bernt (2010): The Long Road to `Chindia´.
European Council on Foreign Relations (ed.) (2009): China and India: Rivals always, partners sometimes.
Howard, Roger (2010): Tibet´s Natural Resources, IN: The World Today, October 2010.
Hui, Wang (2010): Gnawing issues in China-India relations.
Klaff, Rene (2010): Indien - China - Tibet: Konflikte um Grenzen und "umstrittene Gebiete". Hintergrundpapier der Friederich Naumann Stiftung für die Freiheit, Nr. 9/ Februar 2010.
Kristensen, Hans M. (2010): DF-21C Missile Deploys to Central China.
Ladwig, Walter C. (2009): Delhi's Pacific Ambition: Naval Power, “Look East,” and India's Emerging Influence in the Asia-Pacific, IN: Asian Security, 5 (2009), No 2, 87 – 113.
Malik, J. Mohan (2009): India-China Relations. Edited by: Asia Pacific Center for Security Studies.
Malone, David M.; Mukherjee, Rohan (2010): India and China: Conflict and Cooperation, IN: Survival, 52 (2010), No. 1, 137-158.
Norris, Robert; Kristensen, Hans M. (2010): Indian nuclear forces, 2008.
Pant, Harsh V. (2010): China's Rise, India's Challenge.
Ramachandran, Sudha (2010): Delhi sweats as China inches toward Nepal.
Rehman, Iskander (2009): Keeping the Dragon at Bay: India's Counter-Containment of China in Asia, IN: Asian Security, 5 (2009), No. 2, 114 – 143.
RIA Novosti (2010a): India set to buy around 300 5th generation fighters from Russia.
RIA Novosti (2010b): Russia-India partnership.
The Economist (ed.) (2010): Mount Everest is singing for joy.

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