Dienstag, 6. Juli 2010

Der Ozean des 21. Jahrhunderts

Der Indische Ozean ist der kleinste der drei Ozeane. Aber hat er auch die kleinste Bedeutung? Sehr wahrscheinlich nicht. Die geostrategische und sicherheitspolitische Relevanz des Indischen Ozeans werden zunehmen.

Der wesentlichste Punkt für die Bedeutung des 75,80 Mio. km2 großen Ozeans sind seine Zugangswege. Atlantik und Pazifik sind im Grunde frei mit dem Schiff erreich- und befahrbar. Für den Indischen Ozean gilt anderes. Mit dem Golf von Aden/Bab el-Mandeb/Suez-Kanal, der Straße von Hormuz, der Straße von Malakka, der Sundastrasse und der Straße von Lombok verfügt der Indische Ozean über enge Zugangswege. Nur um Afrika oder Australien herum lässt sich ein freier Zugang erreichen.

Alle diese Zugangswege liegen an sicherheitspolitischen Hotspots. Der Golf von Aden ist durch den Jemen, Somalia und die Piraterie konstant in den Schlagzeilen. Gleiches gilt für die Straße von Hormuz durch Iran. Manch einer mag hier sich noch an den Tankerkrieg in den 80er Jahren und die Operation Earnest Will der US Navy erinnern. Piraterie betrifft auch die Straße von Malakka. Sunda- und Lombokstraße sind als mögliche Ausweichrouten zur Straße von Malakka zwar weniger von Piraterie betroffen, aber ihr Status als internationale Schifffahrtsrouten hängt an der weiteren Entwicklung Indonesiens. Eine Zukunftsprognose dieses Landes ist schwierig. Zwar hat Indonesien großes Zukunftspotential, aber innere Spannungen könnten dieses Potential zu Nichte machen.

Zwischen 80-90% des Welthandels laufen über Meere und Ozeane. Die wichtigsten Routen des maritimen Handels laufen durch den Indischen Ozean.

Für Europa geht es dabei vor allem um die Verbindungen nach Asien, vor allem nach China, Indien, Japan, Süd-Korea und Taiwan. Deutschland als Exportnation ist hier besonders betroffen. Außerdem sind auch die Europäer auf Öl-Importe per Schiff aus dem Persischen Golf angewiesen. 65% der Öl- und Gasimporte für den Westen (inkl. USA) gehen durch den Persischen Golf.

Um den Zugang zum Persischen Golf geht es auch den asiatischen Staaten. Zu nennen sind hier: China, Indien, Japan, Südkorea und Taiwan, wobei Indien nicht so stark vom Engpass der Straße von Malakka betroffen ist. Gerade China ist auf sichere Schiffsverbindungen durch diese Straße angewiesen, um seinen Hunger nach Rohstoffen nicht nur am Persischen Golf, sondern vor allem in Afrika, stillen zu können. Selbstredend haben alle asiatischen Staaten ein gemeinsames Interesse daran, dass der Schiffsverkehr nach Europa ungehindert fließen kann. Mehr als 50000 Schiffe und mit ihnen etwa 30% des Welthandels passieren die Straße von Malakka jedes Jahr

Indien nimmt aufgrund seiner geografischen Lage eine Sonderrolle ein. Das Land liegt in mitten des Ozeans, hat also eine wesentlich bessere Möglichkeit zur Kontrolle der dortigen Seewege, ist aber gerade deswegen auf freie Zufahrtswege angewiesen. Je mehr Indiens Wirtschaft wächst, desto mehr wird das Land auf freie Schifffahrtswege für seine Ex- und Importe angewiesen sein. Daher ist es kein Wunder, dass Neu-Dehli seine Marine ausbaut und modernisiert. So bot Lockheed Martin der indischen Marine die trägertaugliche Version der F-35 für die ab 2015 kommenden indischen Flugzeugträger an.

China macht sein größeres Interesse an sicheren Seewegen im Indischen Ozean mittlerweile immer deutlicher. Seit Dezember 2008 nahmen Kriegsverschiffe der Volksbefreiungsmarine an der Piratenbekämpfung teil. Am 1. Juli 2010 entsandte China einen neuen Flottenverband an den Golf von Aden. Dieser umfasste erstmalig ein amphibisches Landungsschiff mit mehreren Hubschraubern und Marinespezialkräften an Bord.

Dass gesteigerte Interesse Pekings und der anderen in der Region aktiven Staaten mag aber nicht ausschließlich mit der Sicherheit von Transportwegen zusammenhängen. Bereits Anfang der 90er Jahre gab es Berichte, dass es in der Region rund um den Bab el-Mandeb, Eritrea und Somalia größere Ölvorkommen geben könnte. Man kann davon ausgehen, dass dies in den Hauptstädten der interessierten Staaten bekannt ist, wenngleich eine genauere Erkundung oder gar Förderung der Vorkommen bis auf weiteres viel zu gefährlich bleiben wird. Versuche der Stabilisierung Somalias, wie etwa die EU-Trainingsmission „EUTM - European Training Mission for Somalia“, werden wohl nicht ausschließlich aus humanitären, sondern auch aus geostrategischen Beweggründen durchgeführt.

Die westlichen Staaten sind auf verschiedene Weise im Indischen Ozean präsent. Im Dezember 2008 starte die EU die Operation Atalanta, in deren Rahmen Kriegsschiffe unter EU-Kommando am Horn von Afrika Handelsschiffe schützen und Piraterie bekämpfen sollten. Das Mandat wurde mittlerweile vom Europäischen Rat bis Dezember 2012 verlängert und ist damit zu rechnen, dass die Europäer auch danach in der Region präsent bleiben wollen.

In der Region präsent sind auch die USA. An Land mit der „Combined Joint Task Force Horn of Africa” deren Aufgaben darin bestehen, Extremismus zu bekämpfen, regionale Sicherheit und Stabilität zu stärken, Konflikten vorzubeugen und die Interessen der USA zu schützen. Nebenbei, der interessierte Leser findet diese Task Force auch bei Facebook. Auf See initiierten die USA die multinationalen Task Forces 150, 151 und 152. Alle drei Task Forces werden von einem amerikanischen Vizeadmiral kommandiert. Etwa 40 Schiffe aus 27 Ländern nehmen an den Operationen teil. Aktuell wird die Task Force 151 operativ von einem südkoreanischen Admiral an Bord eins südkoreanischen Kriegsschiffs mit einem multi-nationalen Stab geführt. Man kann aber aufgrund der Kommandostruktur und der großen Kapazitäten der US Navy davon ausgehen, dass die USA in dieser Operation den Ton angeben. Zumal das amerikanische Marinekommando in Bahrain die Koordinierung aller laufenden Operationen und den am Horn von Afrika aktiven Staaten übernimmt.

Bei allen Operationen in der Region verfügen die USA gegenüber anderen Ländern über einen strategischen Vorteil. Durch die Militärbasis auf Diego Garcia in Mitten des Indischen Ozeans verfügen die USA, der sowohl für die Versorgung von Schiffen wie auch für Luftoperationen herangezogen werden kann. Genutzt wurde diese Basis bei allen US-Militäroperationen in der Region seit 2001. Die US Navy will, die eigentlich Großbritannien gehörende Insel, in den nächsten Jahrzehnten weiter nutzen.

Europa und die USA zeigen auch im Rahmen der NATO gemeinsam Flagge in der Region. Im dritten Quartal 2008 mit der Operation Allied Provider und Mitte 2009 mit der Operation Allied Protector. Seit August 2009 läuft die Operation Ocean Shield, die aktuell von der Standing NATO Maritime Group 1 durchgeführt wird. Von September bis November 2010 wird diese Operation erstmalig um niederländisches U-Boot der Walrus-Klasse ergänzt.

Alleine die große Anzahl an aktiven Staaten, laufenden Missionen und eingesetzten Schiffen beweist nicht nur die Bedeutung des Golfs von Aden, sondern die große Bedeutung des Indischen Ozeans insgesamt. Russland versucht eine dauerhafte Marinepräsenz in der Region zu etablieren und auch Japan beteiligt sich mit Kriegsschiffen am Horn von Afrika. Keiner dieser Staaten würde dies in dem Maße tun, wenn dies nicht seinen mittel- und langfristigen Interessen dienen würde.

Die Globalisierung schreitet unaufhaltsam voran. Damit wachsen Welthandel und Rohstoffbedarf, so dass die Bedeutung der Schifffahrtswege immer mehr zunehmen wird. Durch den wachsenden Rohstoffhunger wird man im Indischen Ozean weiter nach neuen Öl- und Gasvorkommen suchen. Zu nennen wären hier als Explorationsgebiete neben Somalia vor allem Indien, Indonesien und Malaysia. In der Tiefsee finden sich Metallknollen und Mineralsande, deren Abbau bei steigendem Bedarf immer attraktiver werden wird.

Vor Westaustralien befinden sich größere Gasvorkommen. Obwohl sich Australien als regionale Ordnungsmacht im Pazifik versteht, wird Canberra auch stärker auf den Indischen Ozean schauen müssen. Australien schickte bereits Aufklärungsflugzeuge und Kriegsschiffe ans Horn von Afrika und baut seine Marine aus.

Warum wird der Indische Ozean denn nun zum Ozean des 21. Jahrhunderts? Dies ergibt sich aus fünf Trends:
1. Welthandel und Schiffsverkehr werden in den nächsten Jahrzehnten weiter zunehmen. Dadurch werden die Engpässe des Indischen Ozeans durch steigende Nutzung immer wichtiger. Vor allem für die asiatischen Staaten.
2. Der steigende Schiffsverkehr ergibt sich auch durch den steigenden Rohstoffbedarf. Mit dem weiter steigenden Transportvolumen von Rohstoffen, steigt die Bedeutung dieses Ozeans.
3. Durch ihren wachsenden Bedarf werden sich immer mehr Staaten Zugang zu den Rohstoffvorkommen des Indischen Ozeans sichern wollen.
4. Das Bedürfnis der Staaten nach Sicherung ihrer Transport- und Versorgungswege wird zunehmen.
5. Die wachsende geopolitische Bedeutung Asiens beinhaltet, vor allem verursacht durch den Aufstieg Chinas und Indiens, eine fortlaufend steigende geostrategische Relevanz des Indischen Ozeans.

Quellen und Lesenswertes:
- CIA World Fact Book (2010): Indian Ocean.
- Combined Joint Task Force Horn of Africa
- EU Naval Force Somalia.
- European Union (2010): EU military mission to contribute to the training of the Somali Security Forces (EUTM Somalia).
- Express India (2010): US to offer F-35 to Navy.
- Financial Times Deutschland (2010): So wird die sensible Tiefsee zum globalen Öl-Lieferanten.
- Kaplan, Robert D. (2009): Center Stage for the Twenty-first Century: Power Plays in the Indian Ocean, IN: Foreign Affairs, Vol. 88, No. 2, 16-32.
- Lighthouse Foundation – Stiftung für die Meere und Ozeane (2010): Der Indische Ozean.
- Ministry of Defense the People`s Republic of China (2010): China sends sixth naval escort flotilla to Gulf of Aden.
- Oberstein, Jochen (1993): Den USA geht es ums Öl.
- Rodrigue, Jean Paul (2009): The Strategic Space of International Transportation.
- Rodrigue, Jean Paul (2010): Maritime Shipping Routes and Strategic Passages.
- US Navy (2010): Combined Maritime Forces.
- US Navy (2010): Focus on Combined Task Force 151.

2 Kommentare:

S. Bruns hat gesagt…

Sehr geehrter Herr Seidler, vielen Dank für diesen guten Beitrag! Er unterstreicht, dass wir es im Indischen Ozean mit einer aufkommenden Multipolarität zu tun haben, die wie unter dem Brennglas sicherheitspolitische und geostrategische Trends offenbart.

FFS hat gesagt…

Sehr geehrter Herr Bruns,
Ich bedanke mich für Ihren Kommentar und das Lob.
Mit freundlichen Grüßen
Felix Seidler

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